Lwiis Saliba: Der Gelehrte, der die Religionen durchquerte auf der Suche nach dem Menschlichen, von Farouk Ghanem Khaddaj

Lwiis Saliba: Der Gelehrte, der die Religionen durchquerte auf der Suche nach dem Menschlichen, von Farouk Ghanem Khaddaj

Eine Lektüre eines akademischen Projekts zwischen vergleichender Methode und gelebter religiöser Erfahrung

In der zeitgenössischen arabischen Geisteslandschaft tritt Lwiis Saliba als eine herausragende Figur hervor – nicht nur als vergleichender Religionswissenschaftler, sondern als phänomenologischer Kartograf des Heiligen. Sein Projekt transzendiert das klassische deskriptiv-vergleichende Modell und strebt stattdessen nach einer existentiellen Hermeneutik, die Religion als lebendiges, atmendes menschliches Ereignis und nicht als abgeschlossenes Korpus dogmatischer Texte begreift. Dieser intellektuelle Ansatz wurzelt in einem methodologischen Wagnis: religiöse Phänomene aus ihrer symbolischen und erfahrungsbezogenen Konstitution heraus zu verstehen, vor jeder externen Kategorisierung oder jedem a priori Urteil.

Eine vielseitige akademische Ausbildung: Zwischen Jbeil/Byblos, Paris und Rishikesh

Saliba wurde in Jbeil (Byblos), Libanon, geboren und absolvierte dort seine frühe Schulbildung, bevor er das französische Baccalauréat in Mathematik und Naturwissenschaften mit Auszeichnung erwarb. Sein akademischer Werdegang zeugt von bewusster Polyglottik: Er erwarb zwei Abschlüsse an der Libanesischen Universität – in arabischer Sprache und Literatur sowie in Sozialwissenschaften (1984) – gefolgt von einem Abschluss in Dokumentation und Information (1985) und einem Aufbaustudium in Arabistik (1988). Diese frühe Auseinandersetzung mit Geistes- und Informationswissenschaften nahm seinen späteren interdisziplinären Ansatz vorweg. Seine intellektuelle Reifung kristallisierte sich jedoch während seiner rund zwölfjährigen Zeit in Frankreich heraus. An der Sorbonne schloss er sein Studium 2005 mit einer wissenschaftlichen Arbeit über die mystische Erfahrung von Abu Yazid al-Bistami ab – eine Studie, die den islamischen Sufismus in den breiteren Kontext globaler kontemplativer Traditionen einordnete. Bereits 2001 verteidigte er an der Universität Hyderabad eine weitere Dissertation über die frühesten Texte vedischer Offenbarung: Rigveda, Studium, Übersetzung und Kommentar. Dies spiegelt sein frühes Engagement für die Verbindung des indo-islamischen spirituellen Erbes wider.

Salibas Ausbildung beschränkte sich jedoch nicht auf institutionelle Mauern. Er verbrachte fast drei Jahre in Indien und setzte sich intensiv mit lebendigen Traditionen auseinander: Er praktizierte Hatha Yoga und Advaita Vedanta im Sivananda Ashram in Rishikesh, studierte buddhistische Philosophie in Dharamsala und vertiefte sich in die Sikh-Andachtspraktiken im Goldenen Tempel in Amritsar. Ergänzend dazu studierte er klassische islamische Wissenschaften an der Al-Azhar-Universität und erlernte neben seiner Sanskrit-Ausbildung in Varanasi auch Syrisch und Latein. Diese Verbindung von akademischer Strenge und gelebter religiöser Erfahrung bildet das Fundament seines unverwechselbaren wissenschaftlichen Profils.

Methodischer Anker: „Verstehen von innen“ als phänomenologisches Gebot

Salibas intellektuelles Projekt basiert auf einem zentralen methodologischen Axiom: Religionen sind keine Systeme, die von außen verglichen werden können, sondern menschliche Erfahrungen, die eine empathische Beschreibung gemäß ihrer eigenen inneren Logik erfordern. Dies verortet seine Arbeit in der breiteren phänomenologischen Tradition um Mircea Eliade und Wilfred Cantwell Smith, wobei gleichzeitig eine dezidiert interkulturelle Ausrichtung erhalten bleibt.

Für Saliba ist die islamische Mystik (Sufismus) kein Nebenzweig der Jurisprudenz, sondern ein existenzieller und kognitiver Horizont, der doktrinäre Grenzen überschreitet. Ebenso nähert er sich Hinduismus, Buddhismus und Sikhismus nicht als exotische Artefakte, sondern als kohärente spirituelle Welten, deren Bedeutung sich am deutlichsten aus ihren jeweiligen Traditionen erschließt.

Seine Lektüre von Al-Birunis „Kitab al-Hind“ verdeutlicht beispielsweise, wie der mittelalterliche muslimische Gelehrte die hinduistische Kosmologie durch ihren eigenen begrifflichen Rahmen und nicht durch theologische Polemik zu verstehen suchte. Saliba präsentiert dies als eine bleibende methodische Lehre für die zeitgenössische vergleichende Religionswissenschaft.

Er fasst seine wissenschaftliche Ausrichtung in einem prägnanten Satz zusammen:

„Im Studium der Religionen suche ich zu verstehen, nicht zu urteilen.“ Anstatt einen unkritischen Relativismus zu suggerieren, priorisiert dieser Ansatz das Verstehen vor der Bewertung und ermöglicht es, religiösen Traditionen in ihrem eigenen Kontext zu begegnen, bevor sie einer vergleichenden Analyse unterzogen werden.

Ein umfangreiches und interdisziplinäres intellektuelles Werk

Seiner veröffentlichten Bibliografie zufolge hat Saliba rund neunzig Bücher verfasst, die Sufismus, indisches Denken, vergleichende Religionswissenschaft, libanesische Geschichte und islamisch-christliche Studien umfassen.

Zu seinen bedeutendsten Werken zählen:

– Enzyklopädie des Ayurveda

– Hinduismus und sein Einfluss auf das islamische Denken nach Al-Biruni

– Die Nestorianer und der Islam

– Die Himmelsreise (Mi’raj) im Volksbewusstsein

– Kamal Jumblatt, der Yogi. Letzteres Werk ist besonders bemerkenswert, da es Kamal Jumblatt aus einer spirituellen und kontemplativen Perspektive interpretiert und nicht ausschließlich sein politisches Erbe beleuchtet. Es bietet somit eine alternative Lesart seiner intellektuellen Entwicklung. Die meisten dieser Werke wurden von Byblion Editions in Byblos veröffentlicht, einem Verlag, der eine wichtige Rolle bei der Verbreitung islamischer Literatur gespielt hat.

erausragende Forschung zur vergleichenden Religionswissenschaft.

Akademische Tätigkeit und internationales Engagement

Saliba hat Vorträge gehalten und an Konferenzen im Libanon, in Frankreich, Indien, den Niederlanden und im Iran teilgenommen.

Er war Dozent, Forschungsdirektor und Doktorvater an der Jesuitenuniversität Beirut, wo seine wissenschaftliche Arbeit weiterhin zur Entwicklung der vergleichenden Religionswissenschaft beiträgt.

Eine kritische Lektüre: Zwischen Empathie und kritischer Distanz

Salibas phänomenologischer Ansatz wirft eine grundlegende methodologische Frage auf, die Religionswissenschaftler seit Langem beschäftigt: Wie lassen sich empathisches Verständnis und kritische Distanz vereinen?

Seine Arbeit bevorzugt konsequent die Annäherung an religiöse Traditionen von innen heraus, bevor er sich der vergleichenden Interpretation zuwendet. Dies bietet zwar wertvolle Einblicke in gelebte religiöse Erfahrung, erfordert aber auch ständige methodische Wachsamkeit, um die analytische Strenge der wissenschaftlichen Analyse zu gewährleisten.

Die Bedeutung von Salibas Beitrag liegt genau in seiner Auseinandersetzung mit einer der zentralen Debatten der modernen Religionswissenschaft: dem dynamischen Verhältnis zwischen Beschreibung und Interpretation, Partizipation und Beobachtung, historischer Forschung und existenziellem Verständnis.

Seine Arbeit kann daher im Kontext der breiteren Debatten innerhalb der zeitgenössischen arabischen Religionswissenschaft über das Verhältnis von Textanalyse, historischer Kritik und gelebter Spiritualität gelesen werden. – Fazit: Für eine neue Vision der Religionswissenschaft

Von Jbeil bis Paris, von Rishikesh bis Benares hat Lwiis Saliba einen intellektuellen Werdegang verfolgt, der eine multidisziplinäre akademische Ausbildung mit einer umfassenden, persönlichen Auseinandersetzung mit verschiedenen religiösen Traditionen verbindet.

Seine Forschung lädt die Lesenden dazu ein, Religion als pluralistische und zutiefst menschliche Erfahrung neu zu betrachten – eine Erfahrung, die es verdient, von innen heraus verstanden zu werden, bevor sie durch vergleichende Analysen untersucht wird.

Damit trägt seine Arbeit zu einer laufenden Debatte über die Zukunft der Religionswissenschaft in der arabischen Welt bei und legt nahe, dass strenge Wissenschaft und echte Offenheit für religiöse Erfahrung nicht im Widerspruch zueinander stehen müssen. Vielmehr können sie gemeinsam einen reichhaltigeren Rahmen für das Verständnis der vielfältigen spirituellen Traditionen der Menschheit bieten.

Farouk Ghanem Khaddaj, 26. Juni 2026

Libanesischer Schriftsteller und Forscher für Literatur und menschliches Denken

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